Tag der Agrarwissenschaften 2010

Mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zum Wissenschaftsstandort Weihenstephan begrüßte Professor Wolfgang A. Herrmann, der Präsident der Technischen Universität München, am Donnerstag (17.6.) die Teilnehmer des erstmals durchgeführten Tages der Agrarwissenschaften. Die TU habe vor fünfzehn Jahren die Weichen zum Ausbau Weihenstephans gestellt und lasse mit der Weiterentwicklung nicht nach, fügte Herrmann hinzu. Über einhundert Millionen Euro seien bisher in Freising in bauliche Maßnahmen für das Wissenschaftszentrum investiert worden, und ein Ende sei nicht in Sicht.

Nächstes Großprojekt ist das Hans-Eisenmann-Zentrum, das den Campus nach Norden erweitert und 45 Mio. Euro kostet. „In diesem Zentralinstitut werden die Agrarwissenschaften und Zug um Zug andere Wissenschaftsfelder untergebracht“, sagte Herrmann. Man werde nach außen noch deutlicher machen, „dass die Agrarwirtschaft ein intellektuelles Handwerk ist“, ergänzte der TU-Präsident. Heute schon präsentiere sich die Agrarwissenschaft als vernetzte Systemwissenschaft, zu der ein neues Forschungsfeld „Agrarbiologie“ bestens passe, das in Weihenstephan etabliert werden soll. Das Hans-Eisenmann-Zentrum wird von der TU mit einem eigenen Etat ausgestattet. „Es wird die organisatorische Plattform der Life-Sciences sein“, ergänzte Herrmann.

Abgesehen von den bisherigen und zukünftigen Investitionen in Gebäude und Institute wurde der Standort Weihenstephan in den letzten Jahren durch eine deutliche Zunahme an Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern gestärkt. Dies brachte neue Disziplinen sowie eine hohe Betreuungsdichte für die Studierenden mit sich.

Als Veranstalter des Tages der Agrarwissenschaften zeichneten verantwortlich: die Studienfakultät Agrar- und Gartenbauwissenschaften, das Hans-Eisenmann-Zentrum, die Max-Schönleutner-Gesellschaft und die Fachschaft Agrar- und Gartenbauwissenschaften.

Wissenschaftliche Fachvorträge

Nach der Begrüßungsrede von TU-Präsident Herrmann und der Eröffnung durch Studiendekan Prof. Kurt-Jürgen Hülsbergen leitete Prof. Johann Bauer, der geschäftsführende Direktor des Hans-Eisenmann-Zentrums, den wissenschaftlichen Teil des Tages. Drei Vorträge widmeten sich den Perspektiven der Milcherzeugung in Bayern.

Im ersten Vortrag machte Prof. Heinrich H.D. Meyer deutlich, dass Milch entgegen manchmal geäußerter Skepsis durchaus auch für Erwachsene ein wertvolles Lebensmittel ist. Allerdings liegt der ernährungsphysiologische Nutzen vor allem in den Eiweißen, die, abgesehen von ihrem Nährwert, als wichtige Carrier für Mineralstoffe und Vitamine dienen. Insofern ist ein möglichst hoher Eiweißgehalt der Milch anzustreben, der aber bei etwa vier Prozent an seine Grenzen stößt. Durch veränderte Melkregime lässt sich die Eiweißausbeute zumindest maximieren. Die Lactoseunverträglichkeit vieler Erwachsener erklärte Prof. Meyer damit, dass Kuhmilch erst seit etwa 10.000 Jahren von den Menschen getrunken wird und insofern in der menschlichen Entwicklungsgeschichte ein „neues“ Lebensmittel ist. Eine Genmutation, die inzwischen 90 Prozent der Europäer betrifft, sorgt dafür, dass Menschen auch nach dem dritten Lebensjahr über das Enzym Lactase verfügen, das Milchzucker abbaut (Lactasepersistenzgen).

In einem zweiten Vortrag berichtete Master-Absolvent Magnus Kellermann von seiner Untersuchung bayerischer Milchviehbetriebe. Ausgehend von der Tatsache, dass milchproduzierende Betriebe über keine Marktmacht verfügen, sondern Preisnehmer sind, betrachtete Kellermann anhand der Daten von über 2.000 Betrieben, wie effizient sie technisch arbeiten. Nach seinen Untersuchungen bewegt sich nur eine kleine Prozentzahl am möglichen Maximum; je nach Betrachtungsrichtung sind die Inputs zu hoch oder die Outputs zu gering. Dem Ideal am nächsten kommen laut Kellermann Milchviehbetriebe im Haupterwerb mit großen Herden und Tieren mit guter Milchleistung. Nur hier sind Effizienz und wirtschaftlicher Erfolg gegeben.

Im dritten Vortrag zeigte Prof. Hans Schnyder (Lehrstuhl Grünlandlehre) auf, dass die optischen Versprechen von Trinkmilchverpackungen nicht unbedingt mit dem Inhalt übereinstimmen. Anhand verschiedener Isotope in der Milch lässt sich der Tierbestand pro Hektar ebenso ablesen wie der Anteil an Frischfutter und der Anteil von Mais am Futter. Eine Analyse der Isotope von Stickstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff erlaubt eine Aussage über das Produktionssystem, in dem die Milchkühe sich bewegen. Trockenes Resumee von Prof. Schnyder: „Alpenmilch kommt selten aus den Alpen!“ Die idyllischen Bilder auf den Verpackungen mit Grünland und Almenidylle täuschen. Die Isotopenanalyse lässt den ökologischen Fingerabdruck der Milchherkunft erkennen.

Zweiter Teil mit Ehrungen

Zu Beginn des zweiten Teils des Tages der Agrarwissenschaften informierte Prof. Kurt-Jürgen Hülsbergen über Aktuelles aus der Studienfakultät.

In würdevollem Rahmen, begleitet vom Bläserensemble des Camerloher-Gymnasiums, Freising, wurden Wissenschaftler und Studenten geehrt und Absolventen verabschiedet.

Der Preis der Max-Schönleutner-Gesellschaft für die beste Dissertation ging geteilt an Dr.-Ing. Michael Gallmeier und Dr. rer. nat. Markus Steffens (je 1.250 €); „Doktoreltern“ sind Prof. Dr. H. Auernhammer und Prof. Ingrid Kögel-Knabner.

Die Studienfakultät für Agrar- und Gartenbauwissenschaften ehrte für ihr vorbildhaftes Engagement bei der Ausbildung von Weihenstephaner Praktikanten im Gartenbau und in der Landwirtschaft Dipl. Ing. FH Hanna Naab von der Gärtnerei Extragrün, Freising-Attaching und Dr. Thomas Grupp von der Bayern-Genetik GmbH, Poing.

Prof. Dr. Ulrich Bomme wurde geehrt für seine langjährige und erfolgreiche Tätigkeit als Lehrbeauftragter der Technischen Universität München.

Die neun besten Absolventen als Master of Science Landnutzung, Diplom-Agraringenieure und Master of Science Agrarwissenschaften erhielten Sachpreise: Magnus Kellermann, Meike Petersen, Martina Serdjuk, Hanna Ingenkamp, Carolin Wirsing, Josef Denk, Ludwig Johannes Dollinger, Sebastian Pauli  und Ludwig Asam.

Auch die vier besten Absolventen Bachelor of Science Agrarwissenschaften und Gartenbauwissenschaften erhielten je einen Sachpreis: Peter Graf, Josef Schöfbeck, Thomas Machl und Denis Uerkvitz .

Weitere Preise:

Preis des Fachverbandes Biogas e. V. für besonders gute Leistungen in der Bachelor- und Masterarbeit aus dem Bereich erneuerbare Energien an Martina Serdjuk

Preis der BBV-Landsiedlung GmbH für eine methodisch besonders fundierte und praxisorientierte Bachelorarbeit an Maria Seidl

Preis der Raiffeisen Kraftfutterwerke Süd GmbH für eine ausgezeichnete Masterarbeit im Bereich Tierernährung an Meike Petersen

Preis des BHGL (Bundesverband Hochschulabsolventen / Ingenieure Gartenbau und Landschaftsarchitektur e.V.) für den besten gartenbauwissenschaftlichen Absolventen an Matthias Schlüpen

Preis der H. Wilhelm Schaumann Stiftung für die beste Studienleistung im Fachgebiet Tierernährung an Christoph Schröder

 

Rainer Greubel